Rainbow: Der Man in Black und der Albumklassiker

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Rainbow: Der Man in Black und der Albumklassiker

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Der Beginn der Sessions zu LONG LIVE ROCK’N’ROLL gestaltete sich daraufhin angespannt und ebenso
langwierig. Für Anfang 1977 war eine US-Tournee gebucht, doch die musste nun verschoben werden, während nach Ersatz für die geschassten Mitglieder gesucht wurde – und das war wesentlich schwieriger, als Blackmore sich das vorgestellt hatte.

Bei den Auditions in Los Angeles sah es so aus, als sei Mark Stein, der einstige Keyboarder von Vanilla Fudge, schon an Bord. In einer seltsamen Wendung des Schicksals war Steins jüngstes Engagement in der Band von Tommy Bolin für dessen Solokarriere gewesen – also des Gitarristen, der einst bei Purple Blackmore ersetzt hatte. Doch nachdem Bolin im Dezember 1976 an einer Überdosis gestorben war, war Stein wieder auf Jobsuche. Er war auf jeden Fall gut genug. Doch in letzter Minute überlegte Blackmore es sich anders und Stein war wieder raus.

Der nächste Kandidat war Matthew Fisher, vormals bei Procol Harum, der schon auf den ersten Demos des Rainbow-Debüts BLACK SHEEP OF THE FAMILY gespielt hatte. Doch erneut entschied sich Ritchie unerklärlicherweise gegen ihn. Dann kam Eddie Jobson, der bei Roxy Music und in diversen Solo-Line-ups für Bryan Ferry gearbeitet hatte. Er schien auf dem Papier perfekt für den Posten – doch nicht für Ritchie.

Es folgte David Stone, der Keyboarder der unbekannten kanadischen Prog-Band Symphonic Slam, klassisch ausgebildet und ein Meister schräger Klanglandschaften. Nach einer Feuertaufe, bei der er Ritchie und Cozy kennenlernen durfte, wurde ihm der Job angeboten. Die Suche hatte da allerdings schon so lange gedauert, dass Tony Carey tatsächlich wieder zurück ins Boot geholt worden war, wenn auch nur vorübergehend. Er war bei den ersten drei Tracks des neuen Albums dabei, darunter auch das Titelstück.

Einen Bassisten zu finden, erwies sich als ebenso schwierig. Ronnie hatte gehofft, dass sein einstiger Elf-Kollege Craig Gruber ausgewählt würde. Gruber hatte schon auf RITCHIE BLACKMORE’S RAINBOW Bass gespielt und war dann mitsamt dem Rest von Elf entlassen worden, als Blackmore das Live-Line-up für Rainbow zusammenstellte. Aus Respekt vor Ronnie erlaubte Blackmore Gruber, ein paar Wochen mit der Band zu proben – woraufhin dann allerdings klargestellt wurde, dass er nicht ernsthaft für den Posten in Erwägung gezogen wurde.

Dann trat Mark Clarke auf den Plan, zuvor bei Jon Hisemans Colosseum. Ein weiterer Musiker, der auf dem Papier gut zu passen schien, doch Blackmore beschloss bald, dass ihm Clarkes jazzige Fingertechnik missfiel – das genaue Gegenteil von Bains primitiverem, bombastischen Donner-Picking –, und feuerte auch ihn.

Die Aufnahmen waren schon längst im Gange, also entschied Blackmore, den Bass ganz einfach selbst zu spielen. Bis er doch noch einen permanenten Ersatz für Bain fand: den Australier Bob Daisley, einst bei Widowmaker, der rechtzeitig dazustieß, um auf drei Tracks des Albums zu spielen.

Auch das Studio selbst war ungewöhnlich. Wie Blackmore damals erklärte: „Ich nahm gerne in Deutschland auf“. Seine damalige Frau Babs war aus Deutschland, sie hatten dort ein Haus, und Blackmore bevorzugte die Musicland-Studios in München, wo er schon mit Deep Purple gearbeitet hatte und wo auch die ersten beiden Rainbow-Werke entstanden waren.

Allerdings waren dort schon ELO zugange, die ihr Doppelalbum OUT OF THE BLUE aufnahmen, also beschloss man, stattdessen nach Frankreich zu fahren, in das Château d’Hérouville aus dem 18. Jahrhundert in der Nähe des Pariser Vororts Pontoise (von der Band bald in „pantyhose“ – Höschen – umbenannt).

Seit Elton John dort 1971 sein Album HONKY CHÂTEAU eingespielt hatte, trug es diesen Spitznamen und war zur ersten Wahl als Studio-Wohnkomplex für künstlerisch ambitionierte Rock-Acts wie Pink Floyd, David Bowie und Bad Company avanciert, um nur einige zu nennen. Außerdem hatte es den Ruf, ein Spukschloss zu sein. Bowie hatte sich geweigert, im Hauptschlafzimmer zu nächtigen, und behauptete, der Ort habe „eine Finsternis und Kälte“ an sich. Als Blackmore davon erfuhr, bestand er vehement darauf, dort zu schlafen. Doch Ritchies Faszination für das Übernatürliche war schon bestens bekannt und das Château Horrorsville, wie Dio es bezeichnete, wurde zum Schauplatz einiger von Blackmores berüchtigtsten Séancen.

Ronnie erinnerte sich: „Ritchie holte gern sein Ouijaboard hervor und versammelte uns alle um sich, während er versuchte, die Geister zu kontaktieren, die sich vielleicht gerade dort aufhielten“. Diese Séancen fanden an den meisten Abenden statt. Ronnie war sich ziemlich sicher, dass Ritchie das Glas mit seinen Fingern bewegte, doch das konnte nicht die seltsamen Vorfälle erklären, die sich ereigneten. Etwa den Abend, an dem Thor, der Donnergott, am Tisch erschien – und draußen plötzlich ein schweres Gewitter losbrach. Oder warum sich wiederholt herausstellte, dass nach einem Abend am Ouijaboard alle Aufnahmen des Tages mysteriöserweise gelöscht waren. Oder die Fälle, in denen sich das Tonbandgerät von selbst ein- und ausschaltete.

Das erschreckendste Ereignis war jedoch die Nacht, in denen Baal, der heidnische Gott der Fruchtbarkeit und des Krieges, ihnen einen Besuch abstattete und die folgende Nachricht auf dem Brett verkündete: „Ich bin Baal. Ich erschaffe Chaos. Ihr werdet hier nie wieder wegkommen, also versucht es gar nicht erst“. Das entsetzte sie alle so sehr, dass sie darauf bestanden, dass Ritchie das Brett wegpacke.

Doch später, nachdem Ritchie den Raum verlassen hatte, konnten die anderen es sich nicht verkneifen, das Brett erneut rauszuholen und die Zahlen und Buchstaben auszulegen. Erneut erschien Baal. Diesmal lautete sein Botschaft: „Wo ist Blackmore?“ – just in dem Moment, als die Tür aufging und Ritchie hereinkam. Mit Ritchie zurück am Brett entwickelte das Glas diesmal ein Eigenleben, wirbelte über den Tisch und flog schließlich an die Wand. Das Meeting war vorbei!

Es gab noch andere seltsame Ereignisse. Ritchie behauptete, er habe in den Spiegel gesehen, als ihm eine verzerrte Reflexion von keinem Geringeren als Mozart entgegenblickte. Cozy sagte, er sei in einer Nacht in sein Zimmer gesperrt gewesen und die Bücher seien von den Regalen geflogen. Danach wurde das Ouijaboard endgültig eingemottet. Das einzige Anzeichen für die Unruhe, für die es gesorgt hatte, erschien in der Widmung auf dem Album: „No thanks to Baal“.

Die Musik selbst war jedoch vom Feinsten, und für viele Rainbow-Fans damals genauso gut wie und vielleicht sogar besser als RISING. Das Qualitätsniveau beider Werke war zweifellos beeindruckend. Das Titelstück stammte allerdings auch aus den RISING-Sessions zwei Jahre zuvor, ebenso wie das epische ›Kill The King‹, ein weiteres Highlight.

Das eingängige, hymnische ›Long Live Rock’n’Roll‹ wurde als erste Single ausgekoppelt und geriet zum ersten Top-30-Hit für Rainbow. ›Kill The King‹, dem Konzertpublikum schon länger bekannt, eröffnete die zweite Albumseite ähnlich bombastisch. Angesichts des Titels hielten es viele für eine weitere von Dios fantastischen Geschichten aus der nebulösen Vergangenheit.

Doch Ronnie verriet später: „Tatsächlich geht es darin um eine Schachpartie“. Er war selbst ein hervorragender Schachspieler und betrachtete das Spiel als „eine Metapher für Leben und Tod“. Metaphern mit Königen und Königinnen, Bauern und Springern sollten zu einem roten Faden in Dios Songs werden.

Weniger abgehoben waren Stücke wie ›L.A. Connection‹, inspiriert von Tony Careys Abgang, der aus lauter Heimweh ständig zuhause in L.A. anrief. Noch so eine Sache, die Ritchie nervte. Oder wie es Ronnie für ihn ausdrückte: „Oh carry home my broken bones and lay me down to rest/Forty days of cries and moans I guess I’ve failed to pass the test“.

Auch anderen Brot-und-Butter-Nummern wie ›Sensitive To Light‹ und ›The Shed‹ ging Dios klassischer Mystizismus in den Texten ab, was eher auf seine Zeiten bei Elf zurückging, wo Ronnie noch dieselben „come on baby“-Sachen von sich gab wie all die anderen Sänger.

Doch die Prachtstücke – ›Gates Of Babylon‹ und ›Rainbow Eyes‹ – waren „the real deal“. Ersteres wurde als letzter Song für das Album aufgenommen, nachdem die Band für die finalen Arbeiten im Dezember in das Château zurückgekehrt war. Das neue Line-up aus Blackmore, Dio, Powell, Stone und Daisley hatte da schon ausgiebig live gespielt und war, wie Cozy es formulierte, „tighter als der Arsch einer Ente unter Wasser“. David Stone wurde in den Albumcredits zwar nicht erwähnt, doch seine unheilvollen Keyboards geben hier den melodramatischen Ton an, bevor Blackmores episches Riff losdonnert wie ein Metallhammer und Dio eine Geschichte aus Zauberteppichflügen, Dschinns und Städten der „himmlischen Sünde“ spinnt, wo man „mit dem Teufel schläft“, bevor er einen zu den „Toren von Babylon“ entführt. In Schweden war ein kajalgeschminkter junger Gitarrist namens Yngwie Malmsteen so von diesem Stück beeindruckt, dass er sich eine ganze Karriere um diese phantasmagorischen Bilder aufbaute und es später auch auf einem seiner Alben coverte. Der abschließende – und längste – Song der Platte ist rückblickend der faszinierendste: das wunderschöne ›Rainbow Eyes‹. Eine Ballade, ein Loblied, eine Versprechung …

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